Dienstag, 10. Januar 2023

Tourenverzeichnis von Gustav Jahn, 1917

In der Ausstellung "Alpine Seilschaften", die noch bis 8.10.2023 in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems zu sehen ist, wird eine Seite aus dem Tourenverzeichnis von Gustav Jahn aus dem Jahr 1917 gezeigt.

Zu Übungszwecken habe ich diese Seite einfach einmal transkribiert:


Erstersteigungen, neue Routen […]

13. Juli 1917

Langkofelkarspitze (S.W.-Kante I. Begehung)
D. Merlet, Lt. Reinitzer, Lt. Altoni[?]

Vom markierten Steig, der nahe unter der Langkofelkar=
spitze in das Plattkofelkar führt, nach 10-15 Minuten links ab.
Über eine kurze Wandstufe auf begrünte Schrofen und über
dieselben – immer links haltend – hinan, bis auf ein Schuttband,
welches teilweise ansteigend, manchmal auch als Rinne nach
Süden (rechts) führt.
Vers[...] […nde] durch eine kurze rinnenartige Ver=
schneidung empor und weiter auf den Gipfel eines Vorbaues jen=
seits durch eine Schneerinne rechts etwa 20m hinunter, worauf[?]
man die Rinne nach rechts verlässt – und über Schuttbänder in
kleine Trassen bis zum Fusse des schon vom Kar aus sichtbaren,
der Westkante vorgelegten Grates gelangt.
Durch einen Camin[?] oder rechts davon auf die Höhe
des Grates. Nun weiter an der Kante (ein kleines Schartel und
gleich darauf ein Überhang sind auffallende Punkte) bis sich
die rechten Wandpartien zu einer seichten, fast die ganze Wand=
seite einnehmenden Mulde vertiefen.
Durch dieselbe beliebig auf den Grat und in kurzer Zeit zum
Gipfel.

Schwierige Kletterei Zeit: 2-3 Stunden.

Tourenverzeichnis von Gustav Jahn, 1917 (Privatbesitz)

Bei "D. Merlet" handelt es sich um Dr. Erwin Merlet, der Gustav Jahn auf mehreren Touren begleitete. Zu den weiteren zwei Namen, sofern richtig transkribiert, was bisher nichts zu finden.

Gustav Jahn (1879-1919) war ein österreichischer Maler und Alpinist, der beide Tätigkeiten wunderbar zu kombinieren wusste. Letztlich starb er den Tod eines Bergsteigers, indem er vom Berg abstürzte.

Mehr Informationen zu Gustav Jahn: HIER

Informationen zur Ausstellung "Alpine Seilschaften": HIER


Dienstag, 25. August 2020

Österreich im Jahre 2020

Das Buch „Österreich im Jahre 2020“ von Josef von Neupauer, geschrieben im Jahr 1893, erweckt logischerweise in diesem Jahr ein gewisses Interesse.


Hauptfigur des Buches ist Julian West, ein Charakter, der dem 1888 veröffentlichten Buch „Looking Backward: 2000-1887“ von Edward Bellamy entstammt. Dieser hat viele Jahre seines Lebens verschlafen und dadurch nun Gelegenheit, mit seinem Gefährten Mr. Forest eine Reise ins Österreich des Jahres 2020 zu unternehmen.1

„Wie das neunzehnte Jahrhundert die innerliche Einheit der Naturkräfte feststellte, haben wir zur Evidenz gebracht, daß die Ideen des Guten, Wahren und Schönen in ihrem Wesen nur ein Gesetz sind und das Gute nichts anderes ist, als das im menschheitlichen Sinne Zweckmäßige oder Ökonomische.“2

Beim Lesen wird schnell klar, dass es sich bei diesem Werk in erster Linie um eine Gesellschaftskritik anstatt um einen ernsthaften Versuch einer Zukunftsprognose handelt.

Dies wird unter anderem sehr augenscheinlich an einer ausbleibenden Schilderung etwaiger technischer Entwicklungsmöglichkeiten demonstriert. Beispielsweise wird weiterhin mit Kutschen gefahren, obwohl im Jahr 1893 Rudolf Diesel bereits einen ersten Versuchsmotor entwickelt hatte und somit gewisse Entwcklungen auf diesem Gebiet sicher schon andenkbar gewesen wären.
In diesem Bereich hatte der Zeitgenosse Jules Verne (1828-1905) bekanntermaßen umfangreichere Ideen.

Anliegen des Buches ist vielmehr der Entwurf eines alternativen Gesellschaftsmodells in Form einer kommunistischen Monarchie.
Es gibt also weiterhin einen Kaiser, welcher für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des immer noch bestehenden Reiches zuständig ist.
Da Franz Josef während seiner Amtszeit große Schwierigkeiten überwunden hatte, wurde ihm nach seinem Tod der Beiname „der Standhafte“ verliehen, seine Nachfolge trat dann Franz Ferdinand an (welcher somit nicht 1914 in Sarajevo einem Attentat zum Opfer gefallen ist). Der gegenwärtige Kaiser wurde 1980 geboren und heißt Kaiser Rudolf.3

Ansonsten werden typische kommunistische Ideen wie das Fehlen von Privateigentum verarbeitet.

Einige Punkte erweisen sich als falsch. So sind im utopischen Wien zum Beispiel auch noch die Rotunde4 und die Zahradbahn5 erhalten.
Anderes wirkt unfreiwillig komisch oder macht skeptisch. Denn, wenn es beispielsweise heißt, „wir [kamen] um zehn Uhr nach Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt wurden“6, kommen starke Zweifel auf, dass der Autor mit einem Aufstieg auf den Schneeberg vertraut ist.

Der Entwurf einer Union in Europa, auf welche jeder Monarch bei Amtsantritt einen Eid schwört, ist im Hinblick auf die heutige EU dafür nicht schlecht prophezeit, enthält in Detailfragen im Vergleich zu heute aber amüsant konträre und auch umfassendere Züge:

„‘Wir hoffen, daß England bald gezwungen sein wird, der Union beizutreten, und für die allerdings noch ferne Zukunft können wir wohl annehmen, daß ganz Asien für das Collektivprinzip wird gewonnen und dann Europa, Asien und Afrika, welche ja in Wirklichkeit nur einen Continent bilden, zu einem einzigen Staatenbunde werden vereinigt werden.‘“7

Auch im Gesundheitsbereich gibt es einen prognostisch zutreffenden Verweis, indem betont wird, dass Österreicher nicht rauchen, was zwar aktuell (noch) nicht zutreffend ist, aber bereits damit begründet wird, dass sich herausstellte, „daß das Rauchen manche specifische Krankheiten im Gefolge habe[…]“.8

Die Frage der Gleichberechtigung wird ebefnalls thematisiert und man betont, dass Frauen in allen wirtschaftlichen Belangen sowie in Verfassungsfragen ebenso fähig und kompetent seien wie Männer.9
Dieser Standpunkt wird leider etwas verwässert durch folgende stärker klischeebelastete Aussagen: „Die Frauen haben sich von allem Anfange an mit großem Tacte ein Gebiet erobert, auf dem sie herrschen, die Liebe und die Familie. Sie haben eingesehen, worin die Familie dem Staate Zugeständnisse machen muß.“10

Die Aussage, dass Klosterneuburg berühmt ist „wegen seines vortrefflichen Weines“11, mag ebenfalls eine zutreffende Prognose sein. Die Feststellung, dass Fässer mit Klosterneuburger Wein verschenkt wurden, „der zwar nicht hundert Jahre alt sei, aber aus dem besten aller bisherigen Weinjahre, dem Jahr 1985, stammte,“12 wirkt allerdings sehr erheiternd, wenn man bedenkt, dass es 1985 in Österreich den großen Weinskandal gab, bei welchen die Beigabe von Frostschutzmittel aufgedeckt wurde.

Im Jahr lebend, auf welches sich das Buch bezieht, würde sich das Interesse doch stärker auf konkrete Zukunftsprognosen richten, die man als ZeitzeugIn bestätigen oder widerlegen kann, als auf ein utopisches Modell, welches im Grunde die „üblichen“ Punkte verarbeitet, weshalb der Reiz des Buches doch im Verlauf des Lesens abnimmt. Es kann aber sicher nicht erwartet werden, Ereignisse wie zwei Weltkriege oder eine Pandemie vorherzusehen.

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1 Josef von Neupauer, Österreich im Jahre 2020. Sozialpolitischer Roman (Dresden 1893, Auflage 2017) 3.
2 Ebd. S. 122
3 Ebd. S. 34
4 Die Rotunde wurde anlässlich der Weltausstellung 1873 erbaut und brannte im Jahr 1937 ab.
5 Die Zahnradbahn auf den Kahlenberg war von 1874 bis 1919 in Betrieb.
6 Neupauer, Österreich S. 17
7 Ebd. S. 110
8 Ebd. S. 12
9 Ebd. S. 106
10 Ebd. S. 105
11 Ebd. S. 134
12 Ebd. S. 139



Dienstag, 5. Mai 2020

Stützen der Gesellschaft: Caesar III vs. Covid-19

Ziel von Strategiespielen wie Caesar III1 ist der Aufbau einer Gesellschaft, beginnend von den grundlegenden Bedürfnissen bis hin zum Erwerb einer gewissen Lebensqualität, so dass Stadt/Staat entsprechend florieren können.

In Caesar III beginnt man hierfür ganz grundlegend mit der Errichtung von Wohnstätten und einer Wasserversorgung. Der Ausbau der Wohnstätten erfolgt dann je nach Versorgung bzw. Erfüllung der Bedürfnisse der SiedlerInnen.
Nach dieser ersten Grundsteinlegung ist eine gewisse Infrastruktur zum Erhalt der Sicherheit erforderlich. Präfekturen und Ingenieursposten sollen vor Schäden an Gebäuden oder Kriminalität bewahren.
Mit Errichtung des Senatsgebäudes wird gewissermaßen der Staat installiert, um Steuereinnahmen generieren zu können.

Screenshot aus Caesar III

Wichtiger nächster Schritt sind zugleich die Beschaffung und Verteilung von Nahrung sowie die Errichtung von Tempeln zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse, seitens der Bevölkerung einerseits und der Götter andererseits (niemand möchte, dass Ceres oder Mars mangels Verehrung erzürnt sind).

In weiterer Folge wird die Qualität dieser Grundversorgung entsprechend erhöht und erweitert, indem mittels Aquädukten die Wasserversorgung verbessert, das Gesundheitssystem (durch Badehäuser, Ärzte usw.) etabliert werden.
In der Folge sehnt sich das Volk dann nach Unterhaltung, welche in Form von Theatern, Kolosseum u. dgl. aufgebaut wird.
Es folgt die Errichtung weiterer Gewerbe (Geschirr, Möbel, Waffen etc.) und die Erfüllung des Wunsches der Bevölkerung nach Bildung (Schulen, Bibliotheken).

Allgemein zusammengefasst, beginnt die Gesellschaft mit der Sicherstellung von Wohnraum, Sicherheit und wichtiger Infrastruktur wie Straßen und Wasserversorgung (Strom, Telefonie und Internet waren im alten Rom noch kein Thema, würden aber ebenso in diese Kategorie fallen). Es folgen Nahrungsversorgung, Religion, Unterhaltung2, der Erwerb zusätzlicher Güter und abschließend Bildung.

Aufgrund der Maßnahmen rundum Covid-19 bietet sich ein Vergleich an zu heutigen Prioritäten der gesellschaftlichen Stützen.3
Grundsätzlich spielt sich der Lebensstandard heute bereits auf weit höherem Niveau ab und es musste nicht wieder bei einem grundsätzlichen Aufbau begonnen werden.
Aber die Grundlagen in Form von Wohnraum, Sicherheit und Infrastruktur sind grundsätzlich gleich geblieben. Ebenso wurde die Grundversorgung durch Nahrungsmittel immer aufrecht erhalten.

Da die schrittweisen Lockerungen mit der allmählichen Öffnung weiterer Geschäfte beginnen, kommt dem Erwerb zusätzlicher Güter heutzutage eine größere Bedeutung zu als im alten Rom. Stattdessen wurde die einstmals wichtige Rolle der Religion auf die hinteren Plätze verwiesen.
Bei der Unterhaltung scheinen sich die Zeitalter in den einzelnen Facetten gewissermaßen etwas zu scheiden. Sportlichen Betätigungen und Veranstaltungen wird heute eine wichtigere Rolle zugeschrieben (z.B. Öffnung von Tennisplätzen oder Veranstaltung von Geisterfußballspielen/Geisterautorennen). Der kulturelle Bereich der Unterhaltung bildet hingegen gemeinsam mit der Bildung den Abschluss.4

Spiele wie Caesar III müssen zur Wahrung der Spielbarkeit komplexe gesellschaftliche Prozesse entsprechend vereinfachen, so wurden auch die Maßnahmen zu Covid-19 nicht in aller Ausführlichkeit herangezogen.

Der Vergleich mag somit gewisse Mängel aufweisen, aber die Grundessenz, die sich dennoch zu ergeben scheint, ist das Abrutschen der Religion und das gleichbleibende Verweilen von Kultur und Bildung auf den hinteren Rängen.

Nichts Neues unter der Sonne?


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1 https://de.wikipedia.org/wiki/Caesar_(Spieleserie)#Caesar_III [05.05.2020]  
2 Die in Caesar III subsumierte Unterhaltung müsste für heutige Verhältnisse wohl genauer unterteilt werden in Sport (Gladiatorenkämpfe, Wagenrennen) und Kultur (Theater).  
3 Ich beziehe mich für den Vergleich auf die in Österreich vorgenommenen bzw. geplanten Lockerungen nach dem Lockdown. Siehe beispielsweise unter: https://orf.at/corona/stories/3163885/ [05.05.2020]  
4 Eine gewisse Verflechtung von Bereichen ist zweifelsohne gegeben, welche hier für eine vereinfachte grundlegende Darstellung außer Acht gelassen werden muss.

Sonntag, 6. August 2017

Wundersames im Schloss

Es mag nicht ganz klar sein, ob es sich tatsächlich um das älteste Museum der Welt handelt. Konkurrent für diesen Titel sind etwa die Vatikanischen Sammlungen, deren Gründungsmoment mit dem Fund der Laokoon-Statue 1506 datiert wird.
Nichtsdestoweniger handelt es sich bei Schloss Ambras um einen eindrucksvollen Sammlungsort, dessen ursprüngliche mittelalterliche Burg definitiv das ältere Museumsfundament darstellt. 

Schloss Ambras - Hochschloss
Von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) für seine Frau Philippine Welser in ein Renaissanceschloss umgebaut, wurde es eigens als musealer Ort konzipiert, um Platz für die umfangreichen Sammlungen des Erzherzogs zu bieten.

Im Hochschluss findet man heute eine umfassende Porträtgalerie der Habsburger, gotische Skulpturen und die Glassammlung Strasser sowie derzeit eine Sonderausstellung zum Leben, Schaffen und Sein von Erzherzog Ferdinand II. selbst.
Die beeindruckendsten Objekte sind die der Kunst- und Wunderkammer des Schlosses, weil hier beispielsweise mit Bildern des Haarmenschen, eines Riesenschweins, einer Figur „Tödlein“ genannt und insbesondere dem „Ambraser Schüttelkasten“ eher unübliche Gegenstände anzutreffen sind. 

Tödlein
Neben den darin befindlichen Schaustücken ist auch das Gebäude selbst ein Erlebnis. Der Weg führt unter anderem durch eine Kapelle des St. Nikolaus, das Bad der Philippine Welser inklusive Heiz- und Schwitzraum sowie den Spanischen Saal, welcher sehr aufwendig mit den Porträts der Tiroler Landesfürsten ausgestaltet wurde. Die Wände des Innenhofes sind mit Grisaillemalereien verziert. 

Spanischer Saal
Die sehr schöne Parkanlage – auch mit einer Bacchus-Grotte (leider ohne Wein) – komplettiert das Schloss als Empfehlung für ein landschaftlich schönes und kulturell wertvolles Ausflugsziel.

Bacchus-Grotte
Wiederbesuchswert haben für mich vor allem das Gebäude selbst und die charmanten Objekte der Wunderkammer. Die Porträtgalerie ist mit ihrer Fülle für einen Tag etwas überfordernd und macht auf alle Fälle eine Schwerpunktsetzung empfehlenswert.

Die Sonderausstellung zu Ferdinand II., die noch bis 8. Oktober 2017 zu sehen ist, wurde sehr nett aufbereitet. Die Begrüßung durch einen virtuellen Ferdinand II. zu Beginn sorgt (neben Werbung für das Jubiläumsjahr von Maria Theresia) für eine gewisse humoristische Note. Die gezeigten Objekte sind gut ausgewählt und aufbereitet (trotz überwiegend gedämpfter Beleuchtung hat man es nicht verabsäumt, auf lesbare Beschriftungen zu achten).

Infos:
https://www.schlossambras-innsbruck.at/ 

Montag, 8. Mai 2017

#PlayingHistory - Spielerische Geschichte: Illusionen

Spiele werben zum einen gerne als marktwirtschaftliche Strategie mit Historie als Anreiz, um durch die spielerisch kreierte Illusion, handelnd in Geschichte eingreifen zu können, einem gewissen Wiedererkennungswert von Geschichte usw.1
Das dadurch ebenfalls geweckte Interesse seitens der HistorikerInnen, sich diesen Spielen aus wissenschaftlicher Perspektive zu widmen, fällt jedoch kritisch aus, weil der Unterhaltungsanspruch gerne eine zu rigorose Reduktion der historischen Sachverhalte provoziert, was letztlich von wissenschaftlicher Seite (wenn auch nicht unbedingt gerechtfertigt) kritisiert wird.

Eine Möglichkeit, einem solchen Dilemma zu entgehen, sind scheinbar Spiele, die von Vornherein klarstellen, in einer fiktiven Welt zu spielen und sich nur bedingt an reale historische Ereignisse anlehnen.
Solchen Spielen kann der Vorwurf, Geschichte unzulässig zu verdrehen bzw. zu verkürzen eigentlich nicht mehr gemacht werden.

Ein jüngeres Beispiel für Spiele dieser Art ist „Herald – An Interactive Period Drama“2, von welchem die ersten zwei Bücher erschienen sind und das bereits mit der Aussage beginnt, dass sich die Ereignisse recht zufällig and reale historische Gegegebenheiten anlehnen bzw. von diesen inspiriert werden.

Screenshot aus dem Spiel

Da hier nicht einmal mehr der Anspruch erhoben wird, real Geschehenes wiederzugeben, scheint es wenig zielführend zu sein, diesen Spielen einen wissensvermittelnden Nutzen zusprechen zu wollen. Zudem ist bereits vorab ein gewisses Maß an historischem Wissen erforderlich, weil das Spiel selbst nicht klarstellt, wann es Fiktion ist oder historische Fakten verwendet.

Ein weiterer Vorteil dieser Taktik ist eine Ausflucht vor der Tatsache, dass die Rezeption historischer Ereignisse für eine spielerische Handlung möglicherweise nicht in der Lage ist, ausreichend unterhaltsame Spannung aufzubauen, weil schließlich der Ausgang historischer Ereignisse bereits bekannt ist.3
Durch den Fiktionsanspruch von „Herald“ bleibt offen, ob es eine Abweichung von den kontextualisierenden historischen Ereignissen geben wird.

So wird man also an Board der Herald in eine fiktive Geschichte entlassen, welche die Gestaltung ihres Umfeldes aus realen historischen Ereignissen requiriert. Schnell wird klar, dass man sich im Dunstkreis der britischen Kolonialherrschaft befindet, kurz vor dem indischen Aufstand im Jahr 1857.

Screenshots aus dem Spiel

Diese Illusion von Historizität wird durch eine entsprechende optische Gestaltung der Charaktere, durch die Einbettung mancher Schriftstücke wie beispielsweise einer Zeitung veranschaulicht oder auch durch eine Jahreszahl auf dem Rettungsring.

Screenshots aus dem Spiel

Ebenso wird mit der Typisierung des Schiffes die zeitliche Epoche auf das 19. Jh. gefestigt, war doch der Klipper ein in diesem Zeitraum vorherrschendes Segel- und Transportschiff.

Neben der historischen optischen Illusion des 19. Jhs. suggeriert das Spiel auch die entsprechende historisch valide Vergangenheit.

In Form von Gemälden im Schiff finden sich etwa Belege für die Englisch-Niederländischen Seekriege – wie die Schlacht von Scheveningen 1653 oder den Friedensvertrag von Westminster 1654.4

Screenshots aus dem Spiel

Um seinen, wenn auch aufgrund seiner verschwommenen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion marginalen, aber durchaus vorhandenen erkenntisfördernden Nutzen zu unterstreichen, bietet das Spiel in Form von Tagebuchnotizen zu im Spiel gefundenen Gegenständen weitere diverse Informationen.

Screenshot aus dem Spiel

Wobei es bei all diesen Angaben nicht nur aufgrund der Ankündigung zu Beginn wenig ratsam erscheint, die im Spiel dargelegten Informationen unhinterfragt zu akzeptieren.

Das Spiel betreibt wissentlich keinen Geschichtsunterricht, sondern betont von Vornherein, dass es sich um einen alternativen Entwurf handelt, der lediglich an manchen Stellen reale Ereignisse aufgreift. Inwieweit Abweichungen bestehen, wird vielleicht der künftige Fortgang der Geschichte deutlicher zeigen. Bis jetzt sind nur die ersten zwei Bücher von „Herald“ erschienen und somit bleibt offen, ob fiktiv dennoch ungefähr reale Geschichte nacherzählt oder kontrafaktische Geschichte betrieben wird.

Somit bleibt ebenfalls unklar, ob die anfängliche Ankündigung ein reiner Unterschied in der Formulierung ist und letztlich kein Unterschied zur Betrachtungsweise von Spielen besteht, die betonen, dass sie sich an realen Ereignissen orientieren oder tatsächlich Sinn in einer solchen Unterscheidung liegt.

Fortsetzung folgt, wenn die Fortsetzung vom Spiel folgt...
 

1 Angela Schwarz, Siegen ist erst der Anfang, oder: Was kommt nach der Annäherung an die Geschichte im Computerspiel? In: Angela Schwarz (Hg.), „Wollten Sie auch immer schon einmal pestvereuchte Kühe auf Ihre Gegner werfen?“ Eine fachwissenschaftliche Annäherung an Geschichte im Computerspiel (Münster 22012) 266f. 
2 https://en.wikipedia.org/wiki/Herald:_An_Interactive_Period_Drama  
3 Angela Schwarz, Narration und Narrativ. Geschichte erzählen in Videospielen. In: Florian Kerschbaumer, Tobias Winnerling (Hg.), Frühe Neuzeit im Videospiel. Geschichtswissenschaftliche Perspektiven (Bielefeld 2014) 30.  
4 http://www.ieg-friedensvertraege.de/treaty/1654%20IV%205%20Friedensvertrag%20von%20Westminster/t-1103-3-de.html




Mittwoch, 2. November 2016

#PlayingHistory - Austrian perspective

Hier klicken für die deutsche Version

The motivation and inspiration for this article comes from Eugen Pfister (@Trogambouille) at Twitter. Based on the following overview at Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Video_games_set_in_Austria he got the impression that Austria is only an interesting setting as background for a game when it is a car racing game or the plot has something to do with Nazis.1

Among the games of this list at least „The Last Express“2 stands out whose fictional plot is set in the Orient Express during its last ride from Paris to Constantinople before the outbreak of World War I. On this ride the train certainly stops at some stations in Austria (and the game has nothing to do with car racing oder Nazis).

The Last Express: an idealised view of Vienna
However, the Wikipedia list motivates to give more thought to this topic.
First results of contemplating show that there are indeed some more games situated in Austria.

One example is „The Watchmaker“3, whose plot is set in an Austrian castle in front of Austrian mountains.

The Watchmaker: somewhere in Austria
The plot itself is a fictional one with no reference to Austria. This means that for the story told the location is of no importance at all.

A similar abstract and hidden reference has been mentioned in an earlier article.4 It is the game „Mafia“5 that uses the Kunsthistorisches Museum Wien as model for the Art Museum in Lost Heaven. As there is no hint included in the game to recognise this connection, the Austrian reference remains extremely marginal.

However, there are games with a more thorough Austrian context to find.

As one example „The Lion's Song“6 can be named. Situated in Austria of the early 20th century a rather psychological story is told. The plot may not be necessarily connected to Austria, but is pretty well embedded in the location.

The Lion's Song: Melk Abbey in the background
Introducing the geographical background the game starts with a train ride from Melk to Vienna. More interesting though is the cultural context that is conveyed in this game. As the main character is a classical composer, famous contemporaries like Arnold Schönberg and Gustav Mahler are mentioned in the game. Quoting lines from the famous poem "Panther" by Rainer Maria Rilke additionally supports the atmosphere of location and time. The second episode of the game is planned to deal with the Viennese art scene of that epoch.
This game points out that the restriction to mere graphical backgrounds for creating a certain geographical context is neither necessary nor sufficient to obtain the intended context.

From the field of the so-called fanadventures7 the game „Sowjet Unterzögersdorf“,8 has to be mentioned. This game creates an alternate version of history as a plot and is situated in a village in the Austrian Weinviertel.

Another fanadventure is „Oh du lieber Augustin“,9 that is situated in Austria and aims for an accurate reconstruction of the origin of the famously known folk song. This game is an excellent example for games that have their priority on entertainment but do process and impart historical facts as well.

What can be a possible profit of an increased Austrian context in games?

Games like „The Last Express“ and „Oh du lieber Augustin“ illustrate the possibility to include historical facts in an entertaining way and hereby contribute to a more differentiated Austrian historical awareness beyond World War II.

Another positive effect is certainly the touristic component of games that are situated in real locations. The capability that after playing a car racing game someone would like to visit the real location of the racing cannot be neglected, but as the most suitable game for a positive touristic effect once again "Gabriel Knight 2 - The Beast Within"10 has to be mentioned. Rothenburg ob der Tauber, Neuschwanstein, Altötting are just a view locations the game deals with, thus a formidable way of advertising Bavaria it is. At least the games mentioned in this article point out that there seems currently no such game available for Austria.
(Even a game with Wolfgang Amadeus Mozart as main character11 takes place in Prague.)

The discussed games are a result of a first brief research and do not claim completeness (further suggestions are welcome anytime). Therefore it is for now more a personal opinion than a scientifically proven result that there is a potential to design entertaining games that create an Austrian image beyond the clichés of landscapes and Nazis.

7 „Fanadventure“ is commonly used to address free games of the adventure genre, but not generally accepted as a term.


Freitag, 21. Oktober 2016

#PlayingHistory - Spielerische Geschichte: Österreichische Blicke

Click here for English version

Der Ursprung dieses Beitrages liegt in der Anstupserei durch Eugen Pfister (@Trogambouille) auf Twitter begründet, der durch die folgende Übersicht bei Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Video_games_set_in_Austria den Eindruck gewon- nen hat, dass Österreich als spielerischer Schauplatz in erster Linie nur für Autorennen und Nazi-Thematik interessant zu sein scheint.1

Von den mir in der Liste bekannten Titeln, sticht zumindest „The Last Express“2 hervor, dessen fiktive Handlung sich immerhin im Orient-Express auf seiner letzten Fahrt von Paris nach Konstantinopel vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ereignet und somit neben der geschichtsträchtigen Thematik natürlich auch in Österreich Halt macht (und nichts mit Autorennen oder Nazis zu tun hat).

The Last Express: ein etwas idealisiertes Wien
Dennoch bietet diese Liste Anlass genug, weiter über dieses Thema nachzudenken.
Erste Resultate dieses Sinnierens und Recherchierens zeigen, dass es durchaus weitere in Österreich eingebettete Spiele gibt.

Als erstes Beispiel sei „The Watchmaker“3 genannt, dessen Schauplatz ein österreichisches Schloss im Vordergrunde österreichischer Berge ist. 

The Watchmaker: irgendwo in Österreich
Die Handlung selbst ist als phantastische zu qualifizieren und hat keinerlei Bezug zu Österreich. Das heißt, für die erzählte Geschichte selbst ist hier der Ort im Grunde völlig unerheblich.

Einen ähnlich abstrakten bzw. geheimen Bezug enthält, wie bereits in einem früheren Beitrag angemerkt4, das Spiel „Mafia“5, welches das Kunsthistorische Museum in Wien als Vorlage für das Kunstmuseum im fiktiven Lost Heaven verwendet hat. Da auf diese Tatsache im Spiel selbst jedoch nicht hingewiesen wird, bleibt auch hier der österreichische Bezug ein höchst marginaler.

Es gibt aber auch Spiele, in denen der österreichische Kontext gründlicher ausfällt.

Im Österreich des frühen 20. Jahrhunderts spielt „The Lion's Song“.6 Die sehr psychologisch konnotierte Geschichte ist selbst ebenfalls nicht zwingend mit dem österreichischen Standort verbunden, dafür aber sehr gut in die Umgebung eingebettet.

The Lion's Song: Stift Melk im Hintergrund
Örtlichen Gegebenheiten huldigend, begibt man sich zu Beginn des Spieles von Melk nach Wien. Von weit größerem Interesse ist aber hier eigentlich das vermittelte kulturelle Flair Österreichs. Dadurch dass die Protagonistin eine Komponistin ist, tauchen berühmte Namen wie Arnold Schönberg und Gustav Mahler auf. Zudem werden auch Zeilen aus Rainer Maria Rilkes „Panther“ im Spiel rezitiert. In der zweiten Episode soll dann die Wiener Kunstszene Teil des Geschehens werden.
Hier zeigt sich sehr deutlich, dass man sich letztlich nicht immer auf die Konstruktion bloßer Kulissen beschränken muss (bzw. dass dies alleine oft gar nicht ausreicht), um einem Spiel regionalen Kontext zu verleihen.

Aus dem Bereich der sogenannten Fanadventures7 stammt „Sowjet Unterzögersdorf“,8 welches sich als Schauplatz einen Ort im österreichischen Weinviertel auserkoren hat, um spielerisch ein alternatives Geschichtsmodell zu entwerfen.

Ein weiteres Fanadventure ist „Oh du lieber Augustin“,9 das nicht nur in Österreich spielt, sondern es sich auch zur Aufgabe gemacht hat, die Entstehung des bekannten Volksliedes historisch möglichst akkurat zu erzählen. Es handelt sich hier um ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man ein Spiel entwickeln kann, das in erster Linie unterhalten soll, aber inhaltlich dennoch Wissen aufbereitet und vermittelt.

Worin besteht bzw. bestünde nun aber der Nutzen eines vermehrten österreichischen Hintergrundes in Spielen?

Zum einen zeigen Spiele wie „The Last Express“ oder „Oh du lieber Augustin“, wie es möglich ist, historische Ereignisse unterhaltsam aufzubereiten und somit auf spielerische Weise zu einem österreichischen Geschichtsbewusstein abseits des Zweiten Weltkrieges beizutragen.

Weiters ist wiederum die touristische Komponente bei verstärkter österreichisch-spielerischer Präsenz zu bedenken. Es ist nicht auszuschließen, dass hierfür auch die bloße Kulisse bei einem Autorennspiel motivierend wirkt, um den realen Ort der Raserei einmal persönlich aufzusuchen, aber als Paradebeispiel kann einmal mehr „Gabriel Knight 2 – The Beast Within“10 genannt werden, das mit Schauplätzen wie Rothenburg ob der Tauber, Schloss Neuschwanstein, Altötting und vielen mehr, eine wunderbare Bayernwerbung darstellt. Und zumindest die erwähnten Beispiele zeigen, dass es ein solches Spiel für Österreich bis jetzt nicht zu geben scheint.
(Sogar ein Spiel mit Wolfgang Amadeus Mozart als Protagonisten11 hat sich Prag als Schauplatz auserkoren.)

Die genannten Spiele sind lediglich Resultate einer ersten kurzen Recherche und erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit (für Hinweise aus der Bevölkerung ist man jederzeit sehr dankbar). Dass hier durchaus ein gewisses Potential besteht, ein Österreichbild fernab von Klischees wie Landschaftskulisse und Nazis, spielerisch zu entwerfen, ist aufgrund dieses ersten Überblicks somit eher persönliche Meinung als wissenschaftlich fundiertes Ergebnis.

7 „Fanadventure“ ist momentan die gebräuchlichste Bezeichnung für Gratisspiele aus dem Adventure-Genre, auch wenn diese in manchen Kreisen als eher umstritten gilt.


Dienstag, 6. September 2016

#PlayingHistory - Spielerische Geschichte: Diskrepanzen

Spiele, die in erster Linie einem Unterhaltungsanspruch dienen wollen und marktwirtschaftlichen Überlegungen folgen müssen, um sich zu verkaufen, stellen keine wissenschaftlichen Ansprüche an die Geschichtsdarstellung.
„Computerspiele mit historischen Themen gehören nicht zur akademischen, sondern zur populären Historiographie.“1
Spiele liefern mögliche Geschichtsentwürfe, wie sie im Grunde auch von HistorikerInnen nur mit anderen Methoden entworfen werden.2
Daraus jedoch abzuleiten, dass es deshalb verfehlt ist, die Geschichtsdarstellung in Spielen überhaupt einer näheren Betrachtung zu unterziehen, scheint mir nicht gerechtfertigt.

Die Sinnhaftigkeit solcher Untersuchungen besteht zum einen darin abzuklären, welches Potential zur Wissensvermittlung überhaupt vorhanden ist und wie dieses sinnvoll genutzt werden kann, zum anderen macht es Sinn, sich anzusehen, wie verdreht geschichtliche Inhalte dargestellt werden und zwar nicht als simple Verurteilung des Spiels, sondern lediglich im Sinne einer einfachen Aufklärungsarbeit, die aufzeigt, was Wissen und was Fiktion ist.
Denn Spiele als Unterhaltungsmedium müssen sich für diese nie beabsichtigte Vermittlung ihrer Inhalte (unabhängig davon ob richtig oder falsch) nicht rechtfertigen. Aber als HistorikerIn besteht Interesse an einer Untersuchung der jeweiligen Geschichtsdarstellung, durchaus auch mit der Frage im Hintergrund, ob der Unterhaltungswert eines Spiels leiden würde, wäre man nicht von den bekannten Fakten abgewichen.

Dies zu untersuchen, wird insbesondere dann wichtig, wenn nicht geschichtliche Inhalte, sondern moralische Wertvorstellungen betroffen sind. Spiele die unterhalten und nicht belehren wollen, dürfen wissenschaftliche Inhalte zum Wohle der Handlung verdrehen und gänzlich unkritisch als Tatsachen hinstellen. Sobald jedoch moralische Werte betroffen sind, scheint die Begründung der Spiele als reines Unterhaltungsmedium nicht mehr zu greifen und eine gewisse Form der Entmündigung der SpielerInnen gerechtfertigt zu sein.

Als Beispiel sei das Spiel "Lucius"3 genannt, welches die SpielerInnen ein vom Teufel besessenes Kind steuern lässt, um diverse grausame Morde zu begehen und immerhin in Deutschland auf den Index gesetzt wurde. Man mag das Spiel aber durchaus auch als Experiment sehen können, um Selbstreflexion zu betreiben. Wie fühlt man sich als SpielerIn, wenn man Böses tun muss? etc. Das bewusste böse Handeln wurde hier immerhin durch den Kontext der Besessenheit entschärft, hat aber wohl nicht ausgereicht, um eine Indizierung abzuwenden.

Um zu Spielen mit historischem Hintergrund zurückzukehren, sei nun das Spiel "Nicholas Eymerich - Inquisitor"4 erwähnt.
Der Dominikaner und Generalinquisitor Nicolas Eymerich (Eymericus, gestorben 1399),5 verfasste mit seinem Directorium Inquisitorum erstmals ein systematisches Regelwerk für Inquisitoren.6
Durch sein strenges Vorgehen gegen Häretiker, für welches ihm auch Folter ein legitimes Mittel war, kann ihm keine positive Rolle in der Geschichte zugeschrieben werden. So wird er auch ihm Spiel entsprechend negativ und unsympathisch dargestellt, ist aber dennoch die zu steuernde Hauptfigur.

der charmante Inquisitor (Screenshot)
Er, der als Generalinquisitor im Namen Gottes bewusst grausame Morde begeht, ist interessanterweise kein Grund für eine Indizierung.

Auch das Spiel selbst macht Eymerich, wenn auch unsympathisch, zu einem rechtschaffen Handelnden, indem es die "Verbrechen" der Ketzerei und vermeintlich dämonischen Ursachen der Pest zur Realität erklärt.

Für unkritisch Spielende verschwimmen hier die Grenzen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch im Grunde viel stärker, als es beispielsweise bei einem "Lucius" der Fall ist.

Schwierig ist dies vor allem, weil sich das Spiel eigentlich bemüht, viel historisches Wissen zu verarbeiten. Nicht ganz ohne Charme ist etwa auch die Möglichkeit, das Spiel mit lateinischen Untertiteln zu spielen.

Die Handlung selbst eine fiktive, ereignet sich im Jahr 1364. Eymerich wird nach Carcassonne geholt, um einem mysteriösen Verschwinden eines Ordensbruders in einer nahen Ortschaft namens Calcares auf den Grund zu gehen.
Im Gespräch mit Pater Vinet7 werden bereits einige historisch valide Punkte zu Eymerich erwähnt. Seine Herbeirufung aus Avignon stimmt mit dem Wissensstand überein, dass Eymerich um diese Zeit kein Generalinquisitor von Aragon mehr war und sich schon lange Zeit in Avignon aufhielt.
Papst Urban V. (1310-1370), der seit 1362 in Avignon residierte, wird als Empfehlung für Eymerich ins Spiel gebracht und habe Vinet bereits ein erstes Kapitel des Directorium Inquisitorium übermittelt, was zumindest der Chronologie entspricht, denn das Gesamtwerk dürfte frühestens 1376 erschienen sein.8
 
Optisch wurde zum einen die typische schwarz-weiße Ordenstracht der Dominikaner im Spiel umgesetzt. Im Hof sieht man im Hintergrund die bekannten Türme der noch erhaltenen Stadtmauer von Carcassonne angedeutet.

die Stadtmauer von Carcassonne im Hintergrund (Screenshot)
Das Spiel versucht auch einen kleinen Streifzug durch die Geschichte der Häresie zu liefern, indem etwa der Bibliothekar als Katharer entlarvt und der Wächter als Anhänger der Tempelritter (mittels eines Medaillons mit Abbild des berüchtigten Baphomet) überführt wird.
Wissenschaftlich betrachtet, wirkt das alles etwas schwer verdaulich, weil die "Ketzerei" Faktum ist und Eymerich entsprechend "Gerechtigkeit" walten lässt.

Um diese Linie beizubehalten wird als Erklärung für die Pest in Calcares auch eine übernatürliche Ursache gefunden - belegt in den Homerischen Hymnen9 - und zwar im zweiten Gedicht, welches von Demeter handelt.

Eymerichs schlaues Buch bringt ihn auf Demeter (Screenshot)
Andererseits mag man natürlich zugestehen, dass eben für Inquisitoren Ketzerei tatsächlich ein wahres Verbrechen dargestellt hat, und somit bestraft werden musste, um den "wahren Glauben" zu erhalten. Wobei das Spiel eigentlich keinen Zweifel daran lässt, dass Eymerich zwar überzeugt ist, richtig zu handeln, aber ein im Grunde böser (aus heutiger Sicht falsch) handelnder Charakter ist. Diesen überdeutlichen Fingerzeig müsste man, meines Erachtens, unterlassen, wenn man das Experiment, einen Inquisitor zu spielen, stringent durchziehen will.

Interessante Ansatzpunkte liefert das Spiel durchaus. Es mag grundsätzlich als Motivation dienen, sich eigenständig näher mit der Geschichte der Häresie zu befassen, Werke wie Directorium Inquisitorum, Picatrix oder die Homerischen Hymnen durchzustöbern.
Die Schwierigkeit, um wirklich eigenständig gerne und freiwillig tiefer in die Materie einzutauchen, besteht hier vor allem darin, dass das Spiel im Grunde bereits am Anspruch scheitert, unterhaltend zu sein, weil insbesondere technische Hakeleien die Steuerung und damit das spielerische Vergnügen stark in Mitleidenschaft ziehen.
Sich als SpielerIn mit einem Charakter wie Eymerich identifizieren zu müssen, ist ebenfalls eine wenig vergnügliche Erfahrung, mag aber im Sinne eines Experiments durchaus vertretbar sein.

Inhaltlich scheitert das Spiel an einer fehlenden klaren Linie, worauf es hinaus will. Es wirkt konfus, weshalb auch die historische Analyse schwierig wird. Da bereits der Spielspaß ausbleibt, wird somit auch die wissensvermittelnde Komponente leider vernachlässigbar.10


1 Carl Heinze, Mittelalter Computer Spiele. Zur Darstellung und Modellierung von Geschichte im populären Computerspiel (Bielefeld 2012) 16f. 
2 Heinze, S. 17 
3 https://de.wikipedia.org/wiki/Lucius_(Computerspiel)  
4 http://www.eymerich.it/ 
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die erste Episode „The Plague“.  
5 Gerd Schwerthoff, Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit (München 2004) 35. 
6 Schwerthoff, S. 49  
7 Ob hier die reale Person des Jean Vinet, Inquisitor von Carcassonne und Verfasser des Tractatus contra daemonum invocatores als Vorbild genommen wurde, ist zu vermuten, geht aber aus dem Spiel irgendwie nicht klar hervor.  
8 Brian P. Levack, Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa (München2 1999) 211. 
9 Homerische Hymnen. Hg. v. Albert Gemoll (Leipzig 1886) https://archive.org/stream/diehomerischenhy00homeuoft#page/42/mode/2up (06.09.2016) 
10 Das Spiel basiert auf einer Romanreihe von Valerio Evangelisti. Ob diese durchdachter wirkt als das Spiel, muss ich unbeantwortet lassen.

Sonntag, 3. Juli 2016

Mayerling

Mayerling, das ehemalige Jagdschloss Kronprinz Rudolfs, Schauplatz des Doppelselbstmordes des Kronprinzen und seiner Geliebten Mary Vetsera im Jänner 1889, wurde in den letzten Jahren renoviert und kann mittlerweile wieder besucht werden.


Der Eingang des Anwesens führt durch ein separates Gebäude, welches neben dem obligatorischen Shop auch bereits erste Informationstafeln enthält. Danach führt der erste Weg zum Teepavillon, dessen Deckenfresko neu renoviert wurde.


Kaiser Franz Joseph ließ das Jagdschloss nach der Tragödie in ein Karmeliterinnenkloster umbauen. So wurde genau an der Stelle des Sterbezimmers eine Kirche im neugotischen Stil errichtet.


Links davon erreicht man eine kleine Barockkapelle, an deren Stelle sich früher das Zimmer des Kammerdieners Loschek befand und fortan dem Kaiser als Gebetsort dienen sollte.


Rechts gelangt man von der Kirche in die Ausstellungsräume, die neben eines Modells des Jagdschlosses von 1889, diverse Schriftstücke (meist Faksimiles) und Objekte zeigen, die den Verlauf des Ereignisses dokumentieren und aufbereiten.


Zu sehen ist auch der beschädigte Kupfersarg von Mary Vetsera, welcher 1945 von Grabräubern aufgebrochen wurde und ersetzt werden musste.


Insgesamt bietet Mayerling eine kleine übersichtliche Schau, die gut in den historischen Schauplatz integriert wurde. Für die Ausstellung benötigt man ca. eine Stunde, wobei die schöne Lage und Gestaltung des Anwesens durchaus zu längerem Verweilen einlädt.

Link:
http://www.karmel-mayerling.org/

Montag, 23. Mai 2016

#PlayingHistory - Locations

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At the end of the general introduction the question arose if the benefit justifies the effort of developing entertaining games with a subtle educational effect when there is a chance that people play the games just for fun without any motivation to recognise the information and facts given in the game or proceed on their own with some research about the game's topic.

In this regard, additionally to the aquisition of knowledge, it is possible to state a second purpose, which is the potential touristic aspect and benefit of games. So, even when not reaching the audience on the intended educational level the efforts of game development may still be justified for a region or cultural institution by attracting mere tourists and visitors.

Therefore this article deals with some thoughts on using true locations in games.

As one example that videogame tourism can be successful I would like to point to people who visited all real settings of the game "Gabriel Knight 2: The Beast Within."1

In this regard the "Hunt of zombies at castle Hohenwerfen" may also attract players of "Call of Duty: Black Ops III" as visitors.2

It is not really required to use a realistic or historic scenario for using real locations although this may lead to the touristic aspect as leading factor of the game and the imparting of knowledge fades into the background resp. becomes a side effect, when people are attracted to just visit a place they know from the game and subsequently learn about something completely different from the game's topic.

It is important that games mention the real locations they use and reconstruct, at least in the closing credits. Otherwise it is not possible to reach people who do not already know the used setting.

For example, the art museum of the fictional city Lost Heaven in the game "Mafia"3 bases on the art historical museum of Vienna (Kunsthistorisches Museum Wien).
(The pictures always show a game screenshot on the left and a photo of the real place on the right.)
 
Exterior view of the front
Art gallery
Gallery
As this is not mentioned in the game there is no potential touristic effect.

Ideally a game includes both the subtle educational and the touristic component. This means, the game uses real facts for its storytelling that can be checked and extended when visiting the true locations.

The before mentioned "Gabriel Knight 2" can be indicated as an ideal example for such games. The game deals with the history of the Bavarian king Ludwig II., it uses historical facts (e.g offers some information in form of a short guided tour at castle Neuschwanstein) and makes some fictional twists to create an interesting story.

Many real locations were used in the game which makes it to an excellent motivation and advertisment for holidays in Bavaria.

So you visit Munich in the game:

Town hall and statue of the Virgin Mary
Or Rothenburg ob der Tauber (which is named "Rittersberg" in the game):

Rothenburg o.d. Tauber
You see castle Rabenstein (which is called "Schloss Ritter" in the game):

Burg Rabenstein
You visit the Shrine of Our Lady of Altötting:

Altötting
And there are many more places to find in the game.

The given example distinctly shows that predominantly famous locations were used for the game (so the locations seem to be more an advertisment for the game than the game for the locations). However, in my opinion it seems quite possible to create such games also for less known regions, institutions etc. as a strategy for attracting visitors, ideally combined with including facts and information about the region/institution, of course.

Accepting the educational influence of computer games (without being an "educational game") when using true locations or correct historical facts (or the combination of both) leads to some questions about legitimacy of twisting facts for entertainment.
How great is the danger of creating and imparting wrong knowledge when the twists are too extensive? May it be necessary to rethink the strict legal laws of (not) using some symbols for computer games?
Does it make sense to think about a minimum request for authenticity?


2 Zombiejagd auf Burg Hohenwerfen mit „Call of Duty: Black Ops III“: http://www.burgerbe.de/2016/02/07/zombies-auf-burg-hohenwerfen-call-of-duty-black-ops-iii-eisendrache-32836/

Mittwoch, 18. Mai 2016

#PlayingHistory - Spielerische Geschichte: Orte

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Im Rahmen der allgemeinen Einleitung zum Thema trat die Frage auf, ob sich die spielerische Form als Wissensvermittlung für entsprechende Einrichtungen als rentabel erweist, da bei Spielen, wenn sie in erster Linie ein Unterhaltungsmedium sein sollen und wollen, stets die Möglichkeit besteht, dass das Potential der Wissensvermittlung ungenutzt bleibt, weil eben nicht alle Menschen durch das Spielen dazu motiviert werden, sich mit dem entsprechenden Thema in der Folge näher auseinanderzusetzen.

Ein Aspekt, der zusätzlich zur Wissensvermittlung als Nutzen in Frage kommen kann, ist der touristische, d.h. wenn Spiele vielleicht nicht den gewünschten Vermittlungserfolg in Sachen Wissen erzielen, dann können sie möglicherweise schlicht als Werbeträger für bestimmte Einrichtungen, Regionen etc. gesehen werden und somit anderweitig ihren Entwicklungsaufwand rechtfertigen.

Aus diesem Grund folgen nun ein paar Worte zu Verwendung von realen Orten in Spielen.

Dass Videospieltourismus durchaus funktionieren kann, zeigt sich beispielsweise an Personen, die alle realen Orte besucht haben, die im Spiel „Gabriel Knight 2: The Beast Within“ vorkommen.1

So mag also möglicherweise auch die "Zombiejagd auf Burg Hohenwerfen"2 künftig Call-of-Duty-Spieler zu einem Besuch der Burg Hohenwerfen inspirieren.

Ein realistisches bzw. historisches Szenario ist grundsätzlich keine Voraussetzung für die Verwendung realer Schauplätze, wobei dann aber vermutlich der touristische Aspekt zum ausschlaggebenden Faktor wird und die wissensvermittelnde Komponente bereits vorab nur eine eher geringe Rolle spielt (diesbezüglich ergibt sich der Wissenserwerb dann bestenfalls als Folgeeffekt, indem der reale Ort besucht und eigenständig Wissen, welches nicht bereits vorher im jeweiligen Spiel thematisiert wurde, erworben wird).

Wichtig ist auf alle Fälle, dass im Spiel, notfalls einfach nur im Abspann, auch darauf hingewiesen wird, dass reale Schauplätze rekonstruiert wurden, damit auch Personen erreicht werden, die besagten Ort nicht ohnehin schon vorher kannten.

Beispielsweise wurde im Spiel „Mafia“3 dem Kunstmuseum der fiktiven Stadt Lost Heaven das Aussehen des Kunsthistorischen Museums Wien verliehen (es ist jeweils ein Screenshot aus dem Spiel links einem echten Foto rechts gegenüber gestellt).
 
Außenansicht
Gemäldegalerie
Balkone
Diese Anleihe wird aber im Spiel nicht erwähnt, so dass ein möglicher touristischer Werbeeffekt ungenutzt bleibt.

Idealerweise fallen im Spiel die wissensvermittelnde und die touristische Komponente zusammen, d.h. es werden bereits im Spiel Fakten integriert, welche die Spieler beim Besuch der realen Orte überprüfen bzw. erweitern können.

Das schon erwähnte Spiel „Gabriel Knight 2“ scheint hierfür ein ideales Beispiel zu sein. Das Spiel beschäftigt sich mit der Geschichte des Bayernkönigs Ludwig II. und liefert im Spiel selbst bereits historisch korrekte Informationen (z.B. auch im Rahmen einer kleinen Führung durch Schloss Neuschwanstein), die dann fiktiv erweitert werden, um eine spannende Geschichte zu erzählen.

Die Verwendung vieler realer Schauplätze macht das Spiel im Grunde zu einer hervorragenden Werbung für einen Bayernurlaub.

So findet man sich im Spiel etwa in München wieder:

Münchner Rathaus mit Marienstatue
In Rothenburg ob der Tauber (welches im Spiel zu Rittersberg umbenannt wird):

Rothenburg o.d. Tauber
Auf der Burg Rabenstein (die im Spiel Schloss Ritter heißt):

Burg Rabenstein
Oder besucht die Gnadenkapelle in Altötting:

Altötting
Und damit seien nur einige reale Orte genannt, die im Spiel benutzt wurden.

Was sich am genannten Beispiel deutlich zeigt, ist die Konzentration auf bereits sehr bekannte Schauplätze, die touristisch meist ohnehin schon stark frequentiert sind (d.h. hier sind die Orte eher Werbung für das Spiel als das Spiel für die Schauplätze). Diesbezüglich scheint es mir jedoch durchaus möglich, auch für weniger bekannte Regionen oder Kulturstätten einen solchen touristischen Nutzen zu erzielen, idealerweise natürlich, wie schon erwähnt, gekoppelt an die gleichzeitige möglichst subtile Vermittlung von Wissen zu den entsprechenden Örtlichkeiten und deren Geschichte.

Akzeptiert man diesen lehrreichen Einfluss von Spielen (ohne das Etikett "Lernspiel"), die entweder reale Orte oder historische Ereignisse (oder beides zusammen) verwenden, ist, meines Erachtens, ebenso die Frage berechtigt, ob eine extreme Verfremdung in Spielen auch hinderlich sein kann. Wird also durch Verdrehung der Fakten/Realität für die Handlung möglicherweise falsches Wissen vermittelt? Wie gerechtfertigt ist aus dieser Sicht die im Computerspielebereich nach wie vor sehr strikt geregelte Verwendung bzw. das Verbot bestimmter Symbole?
Macht es Sinn, über ein Mindestmaß an Authentizität nachzudenken?


2 Zombiejagd auf Burg Hohenwerfen mit „Call of Duty: Black Ops III“: http://www.burgerbe.de/2016/02/07/zombies-auf-burg-hohenwerfen-call-of-duty-black-ops-iii-eisendrache-32836/