Posts mit dem Label Österreich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Österreich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 25. August 2020

Österreich im Jahre 2020

Das Buch „Österreich im Jahre 2020“ von Josef von Neupauer, geschrieben im Jahr 1893, erweckt logischerweise in diesem Jahr ein gewisses Interesse.


Hauptfigur des Buches ist Julian West, ein Charakter, der dem 1888 veröffentlichten Buch „Looking Backward: 2000-1887“ von Edward Bellamy entstammt. Dieser hat viele Jahre seines Lebens verschlafen und dadurch nun Gelegenheit, mit seinem Gefährten Mr. Forest eine Reise ins Österreich des Jahres 2020 zu unternehmen.1

„Wie das neunzehnte Jahrhundert die innerliche Einheit der Naturkräfte feststellte, haben wir zur Evidenz gebracht, daß die Ideen des Guten, Wahren und Schönen in ihrem Wesen nur ein Gesetz sind und das Gute nichts anderes ist, als das im menschheitlichen Sinne Zweckmäßige oder Ökonomische.“2

Beim Lesen wird schnell klar, dass es sich bei diesem Werk in erster Linie um eine Gesellschaftskritik anstatt um einen ernsthaften Versuch einer Zukunftsprognose handelt.

Dies wird unter anderem sehr augenscheinlich an einer ausbleibenden Schilderung etwaiger technischer Entwicklungsmöglichkeiten demonstriert. Beispielsweise wird weiterhin mit Kutschen gefahren, obwohl im Jahr 1893 Rudolf Diesel bereits einen ersten Versuchsmotor entwickelt hatte und somit gewisse Entwcklungen auf diesem Gebiet sicher schon andenkbar gewesen wären.
In diesem Bereich hatte der Zeitgenosse Jules Verne (1828-1905) bekanntermaßen umfangreichere Ideen.

Anliegen des Buches ist vielmehr der Entwurf eines alternativen Gesellschaftsmodells in Form einer kommunistischen Monarchie.
Es gibt also weiterhin einen Kaiser, welcher für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des immer noch bestehenden Reiches zuständig ist.
Da Franz Josef während seiner Amtszeit große Schwierigkeiten überwunden hatte, wurde ihm nach seinem Tod der Beiname „der Standhafte“ verliehen, seine Nachfolge trat dann Franz Ferdinand an (welcher somit nicht 1914 in Sarajevo einem Attentat zum Opfer gefallen ist). Der gegenwärtige Kaiser wurde 1980 geboren und heißt Kaiser Rudolf.3

Ansonsten werden typische kommunistische Ideen wie das Fehlen von Privateigentum verarbeitet.

Einige Punkte erweisen sich als falsch. So sind im utopischen Wien zum Beispiel auch noch die Rotunde4 und die Zahradbahn5 erhalten.
Anderes wirkt unfreiwillig komisch oder macht skeptisch. Denn, wenn es beispielsweise heißt, „wir [kamen] um zehn Uhr nach Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt wurden“6, kommen starke Zweifel auf, dass der Autor mit einem Aufstieg auf den Schneeberg vertraut ist.

Der Entwurf einer Union in Europa, auf welche jeder Monarch bei Amtsantritt einen Eid schwört, ist im Hinblick auf die heutige EU dafür nicht schlecht prophezeit, enthält in Detailfragen im Vergleich zu heute aber amüsant konträre und auch umfassendere Züge:

„‘Wir hoffen, daß England bald gezwungen sein wird, der Union beizutreten, und für die allerdings noch ferne Zukunft können wir wohl annehmen, daß ganz Asien für das Collektivprinzip wird gewonnen und dann Europa, Asien und Afrika, welche ja in Wirklichkeit nur einen Continent bilden, zu einem einzigen Staatenbunde werden vereinigt werden.‘“7

Auch im Gesundheitsbereich gibt es einen prognostisch zutreffenden Verweis, indem betont wird, dass Österreicher nicht rauchen, was zwar aktuell (noch) nicht zutreffend ist, aber bereits damit begründet wird, dass sich herausstellte, „daß das Rauchen manche specifische Krankheiten im Gefolge habe[…]“.8

Die Frage der Gleichberechtigung wird ebefnalls thematisiert und man betont, dass Frauen in allen wirtschaftlichen Belangen sowie in Verfassungsfragen ebenso fähig und kompetent seien wie Männer.9
Dieser Standpunkt wird leider etwas verwässert durch folgende stärker klischeebelastete Aussagen: „Die Frauen haben sich von allem Anfange an mit großem Tacte ein Gebiet erobert, auf dem sie herrschen, die Liebe und die Familie. Sie haben eingesehen, worin die Familie dem Staate Zugeständnisse machen muß.“10

Die Aussage, dass Klosterneuburg berühmt ist „wegen seines vortrefflichen Weines“11, mag ebenfalls eine zutreffende Prognose sein. Die Feststellung, dass Fässer mit Klosterneuburger Wein verschenkt wurden, „der zwar nicht hundert Jahre alt sei, aber aus dem besten aller bisherigen Weinjahre, dem Jahr 1985, stammte,“12 wirkt allerdings sehr erheiternd, wenn man bedenkt, dass es 1985 in Österreich den großen Weinskandal gab, bei welchen die Beigabe von Frostschutzmittel aufgedeckt wurde.

Im Jahr lebend, auf welches sich das Buch bezieht, würde sich das Interesse doch stärker auf konkrete Zukunftsprognosen richten, die man als ZeitzeugIn bestätigen oder widerlegen kann, als auf ein utopisches Modell, welches im Grunde die „üblichen“ Punkte verarbeitet, weshalb der Reiz des Buches doch im Verlauf des Lesens abnimmt. Es kann aber sicher nicht erwartet werden, Ereignisse wie zwei Weltkriege oder eine Pandemie vorherzusehen.

---
1 Josef von Neupauer, Österreich im Jahre 2020. Sozialpolitischer Roman (Dresden 1893, Auflage 2017) 3.
2 Ebd. S. 122
3 Ebd. S. 34
4 Die Rotunde wurde anlässlich der Weltausstellung 1873 erbaut und brannte im Jahr 1937 ab.
5 Die Zahnradbahn auf den Kahlenberg war von 1874 bis 1919 in Betrieb.
6 Neupauer, Österreich S. 17
7 Ebd. S. 110
8 Ebd. S. 12
9 Ebd. S. 106
10 Ebd. S. 105
11 Ebd. S. 134
12 Ebd. S. 139



Mittwoch, 2. November 2016

#PlayingHistory - Austrian perspective

Hier klicken für die deutsche Version

The motivation and inspiration for this article comes from Eugen Pfister (@Trogambouille) at Twitter. Based on the following overview at Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Video_games_set_in_Austria he got the impression that Austria is only an interesting setting as background for a game when it is a car racing game or the plot has something to do with Nazis.1

Among the games of this list at least „The Last Express“2 stands out whose fictional plot is set in the Orient Express during its last ride from Paris to Constantinople before the outbreak of World War I. On this ride the train certainly stops at some stations in Austria (and the game has nothing to do with car racing oder Nazis).

The Last Express: an idealised view of Vienna
However, the Wikipedia list motivates to give more thought to this topic.
First results of contemplating show that there are indeed some more games situated in Austria.

One example is „The Watchmaker“3, whose plot is set in an Austrian castle in front of Austrian mountains.

The Watchmaker: somewhere in Austria
The plot itself is a fictional one with no reference to Austria. This means that for the story told the location is of no importance at all.

A similar abstract and hidden reference has been mentioned in an earlier article.4 It is the game „Mafia“5 that uses the Kunsthistorisches Museum Wien as model for the Art Museum in Lost Heaven. As there is no hint included in the game to recognise this connection, the Austrian reference remains extremely marginal.

However, there are games with a more thorough Austrian context to find.

As one example „The Lion's Song“6 can be named. Situated in Austria of the early 20th century a rather psychological story is told. The plot may not be necessarily connected to Austria, but is pretty well embedded in the location.

The Lion's Song: Melk Abbey in the background
Introducing the geographical background the game starts with a train ride from Melk to Vienna. More interesting though is the cultural context that is conveyed in this game. As the main character is a classical composer, famous contemporaries like Arnold Schönberg and Gustav Mahler are mentioned in the game. Quoting lines from the famous poem "Panther" by Rainer Maria Rilke additionally supports the atmosphere of location and time. The second episode of the game is planned to deal with the Viennese art scene of that epoch.
This game points out that the restriction to mere graphical backgrounds for creating a certain geographical context is neither necessary nor sufficient to obtain the intended context.

From the field of the so-called fanadventures7 the game „Sowjet Unterzögersdorf“,8 has to be mentioned. This game creates an alternate version of history as a plot and is situated in a village in the Austrian Weinviertel.

Another fanadventure is „Oh du lieber Augustin“,9 that is situated in Austria and aims for an accurate reconstruction of the origin of the famously known folk song. This game is an excellent example for games that have their priority on entertainment but do process and impart historical facts as well.

What can be a possible profit of an increased Austrian context in games?

Games like „The Last Express“ and „Oh du lieber Augustin“ illustrate the possibility to include historical facts in an entertaining way and hereby contribute to a more differentiated Austrian historical awareness beyond World War II.

Another positive effect is certainly the touristic component of games that are situated in real locations. The capability that after playing a car racing game someone would like to visit the real location of the racing cannot be neglected, but as the most suitable game for a positive touristic effect once again "Gabriel Knight 2 - The Beast Within"10 has to be mentioned. Rothenburg ob der Tauber, Neuschwanstein, Altötting are just a view locations the game deals with, thus a formidable way of advertising Bavaria it is. At least the games mentioned in this article point out that there seems currently no such game available for Austria.
(Even a game with Wolfgang Amadeus Mozart as main character11 takes place in Prague.)

The discussed games are a result of a first brief research and do not claim completeness (further suggestions are welcome anytime). Therefore it is for now more a personal opinion than a scientifically proven result that there is a potential to design entertaining games that create an Austrian image beyond the clichés of landscapes and Nazis.

7 „Fanadventure“ is commonly used to address free games of the adventure genre, but not generally accepted as a term.


Freitag, 21. Oktober 2016

#PlayingHistory - Spielerische Geschichte: Österreichische Blicke

Click here for English version

Der Ursprung dieses Beitrages liegt in der Anstupserei durch Eugen Pfister (@Trogambouille) auf Twitter begründet, der durch die folgende Übersicht bei Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Video_games_set_in_Austria den Eindruck gewon- nen hat, dass Österreich als spielerischer Schauplatz in erster Linie nur für Autorennen und Nazi-Thematik interessant zu sein scheint.1

Von den mir in der Liste bekannten Titeln, sticht zumindest „The Last Express“2 hervor, dessen fiktive Handlung sich immerhin im Orient-Express auf seiner letzten Fahrt von Paris nach Konstantinopel vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ereignet und somit neben der geschichtsträchtigen Thematik natürlich auch in Österreich Halt macht (und nichts mit Autorennen oder Nazis zu tun hat).

The Last Express: ein etwas idealisiertes Wien
Dennoch bietet diese Liste Anlass genug, weiter über dieses Thema nachzudenken.
Erste Resultate dieses Sinnierens und Recherchierens zeigen, dass es durchaus weitere in Österreich eingebettete Spiele gibt.

Als erstes Beispiel sei „The Watchmaker“3 genannt, dessen Schauplatz ein österreichisches Schloss im Vordergrunde österreichischer Berge ist. 

The Watchmaker: irgendwo in Österreich
Die Handlung selbst ist als phantastische zu qualifizieren und hat keinerlei Bezug zu Österreich. Das heißt, für die erzählte Geschichte selbst ist hier der Ort im Grunde völlig unerheblich.

Einen ähnlich abstrakten bzw. geheimen Bezug enthält, wie bereits in einem früheren Beitrag angemerkt4, das Spiel „Mafia“5, welches das Kunsthistorische Museum in Wien als Vorlage für das Kunstmuseum im fiktiven Lost Heaven verwendet hat. Da auf diese Tatsache im Spiel selbst jedoch nicht hingewiesen wird, bleibt auch hier der österreichische Bezug ein höchst marginaler.

Es gibt aber auch Spiele, in denen der österreichische Kontext gründlicher ausfällt.

Im Österreich des frühen 20. Jahrhunderts spielt „The Lion's Song“.6 Die sehr psychologisch konnotierte Geschichte ist selbst ebenfalls nicht zwingend mit dem österreichischen Standort verbunden, dafür aber sehr gut in die Umgebung eingebettet.

The Lion's Song: Stift Melk im Hintergrund
Örtlichen Gegebenheiten huldigend, begibt man sich zu Beginn des Spieles von Melk nach Wien. Von weit größerem Interesse ist aber hier eigentlich das vermittelte kulturelle Flair Österreichs. Dadurch dass die Protagonistin eine Komponistin ist, tauchen berühmte Namen wie Arnold Schönberg und Gustav Mahler auf. Zudem werden auch Zeilen aus Rainer Maria Rilkes „Panther“ im Spiel rezitiert. In der zweiten Episode soll dann die Wiener Kunstszene Teil des Geschehens werden.
Hier zeigt sich sehr deutlich, dass man sich letztlich nicht immer auf die Konstruktion bloßer Kulissen beschränken muss (bzw. dass dies alleine oft gar nicht ausreicht), um einem Spiel regionalen Kontext zu verleihen.

Aus dem Bereich der sogenannten Fanadventures7 stammt „Sowjet Unterzögersdorf“,8 welches sich als Schauplatz einen Ort im österreichischen Weinviertel auserkoren hat, um spielerisch ein alternatives Geschichtsmodell zu entwerfen.

Ein weiteres Fanadventure ist „Oh du lieber Augustin“,9 das nicht nur in Österreich spielt, sondern es sich auch zur Aufgabe gemacht hat, die Entstehung des bekannten Volksliedes historisch möglichst akkurat zu erzählen. Es handelt sich hier um ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man ein Spiel entwickeln kann, das in erster Linie unterhalten soll, aber inhaltlich dennoch Wissen aufbereitet und vermittelt.

Worin besteht bzw. bestünde nun aber der Nutzen eines vermehrten österreichischen Hintergrundes in Spielen?

Zum einen zeigen Spiele wie „The Last Express“ oder „Oh du lieber Augustin“, wie es möglich ist, historische Ereignisse unterhaltsam aufzubereiten und somit auf spielerische Weise zu einem österreichischen Geschichtsbewusstein abseits des Zweiten Weltkrieges beizutragen.

Weiters ist wiederum die touristische Komponente bei verstärkter österreichisch-spielerischer Präsenz zu bedenken. Es ist nicht auszuschließen, dass hierfür auch die bloße Kulisse bei einem Autorennspiel motivierend wirkt, um den realen Ort der Raserei einmal persönlich aufzusuchen, aber als Paradebeispiel kann einmal mehr „Gabriel Knight 2 – The Beast Within“10 genannt werden, das mit Schauplätzen wie Rothenburg ob der Tauber, Schloss Neuschwanstein, Altötting und vielen mehr, eine wunderbare Bayernwerbung darstellt. Und zumindest die erwähnten Beispiele zeigen, dass es ein solches Spiel für Österreich bis jetzt nicht zu geben scheint.
(Sogar ein Spiel mit Wolfgang Amadeus Mozart als Protagonisten11 hat sich Prag als Schauplatz auserkoren.)

Die genannten Spiele sind lediglich Resultate einer ersten kurzen Recherche und erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit (für Hinweise aus der Bevölkerung ist man jederzeit sehr dankbar). Dass hier durchaus ein gewisses Potential besteht, ein Österreichbild fernab von Klischees wie Landschaftskulisse und Nazis, spielerisch zu entwerfen, ist aufgrund dieses ersten Überblicks somit eher persönliche Meinung als wissenschaftlich fundiertes Ergebnis.

7 „Fanadventure“ ist momentan die gebräuchlichste Bezeichnung für Gratisspiele aus dem Adventure-Genre, auch wenn diese in manchen Kreisen als eher umstritten gilt.